Rundbrief Mai 2025
Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Haiti-Freunde,
trotz der oft schlechten Nachrichten aus Haiti geht das Leben in und um Meyer seinen Gang – es muss ja auch. Zudem ist Meyer in den Bergen noch ausreichend weit von der Hauptstadt entfernt, sodass die Probleme eher mittelbar zu spüren sind: Durch Versorgungsengpässe, durch Preissteigerungen und durch persönliche Unsicherheit für die Lehrer, die aus der Hauptstadt anreisen. Silien Blindy, der Leiter der ECODEM, hat sich Ende März mit einem Bericht gemeldet. Darin wird deutlich, wie wichtig die Schule und die Stabilität, die sie in der Region bietet, für die Menschen, insbesondere die Kinder, ist.
Er erzählt von Esther und ihren beiden Geschwistern, die aus dem Großraum Port-au-Prince vor den Banditen fliehen mussten und schließlich – ohne ihre Eltern – bei ihren Großeltern in Meyer Schutz fanden:
Seit 10 Monaten leben nun Esther (12 Jahre), Carie (8 Jahre) und Angelo (4 Jahre) auf dem Land. Alle drei gehen zur Schule bei ECODEM. Vor einer Woche kam Angelo weinend und untröstlich in die Schule. Er weigerte sich zu sprechen, doch Esther klärte uns über ihr Problem auf. Das ganze Wochenende über hatten die Kinder nichts zu essen. Der Großvater suchte nach ein paar Wurzeln, fand jedoch nichts. Esther hatte am letzten Samstag Brot gekauft, aber für die drei Kinder reichte es nur für einen Bissen! Daher litt Angelo unter schrecklichem Hunger. Seine Brotbox war leer, genauso wie sein Magen.
Für Kinder wie Angelo ist das Wichtigste am Schulbesuch die Möglichkeit, etwas zu essen zu bekommen. Auch seine Schwester Esther sagt, dass die Schulverpflegung der Hauptgrund für ihre Anwesenheit in der Schule ist. „Zu Hause gibt es meistens nichts zu essen“, berichtet sie. „Ohne diese Schule und das dortige Essen wären wir bereits vor Hunger gestorben.“
Diese Situation ist leider weder neu noch selten. Schon in früheren Rundbriefen haben wir davon berichtet, dass die Schulspeisung – noch vor der Bildung – eine der wichtigsten Säulen der Hilfe vor Ort ist, denn auf leeren Magen kann man nicht lernen. In Haiti erhalten zwei von drei Schulkindern morgens zu Hause nichts zu essen. Daher hat Anneliese schon sehr früh die Schulspeisung etabliert. Blindy berichtet:
Dank der Unterstützung wohlgesinnter Menschen aus Deutschland konnte die Schule so jedes Jahr etwa dreihundert Familien unterstützen, indem sie ihren Kindern eine Mahlzeit zur Verfügung stellte. Das sind ungefähr 1200 Kinder, die täglich bei uns essen, im Durchschnitt also vier Kinder pro Familie.
Dies ist auch der Fall bei Guerline (17 Jahre), Sébastien (14 Jahre), Colly (12 Jahre) und Carmel (8 Jahre). Im Januar 2025 wurde ihre Mutter, die in Léogane die magere Ernte verkaufte, von einem Motorrad angefahren. Sie brach sich zwei Knochen im Bein. Ohne Vater sah die Zukunft für die Familie düster aus. Doch dank der Schule leiden die Kinder nicht zu sehr unter den Folgen des Hungers.
Derzeit ist die größte Hürde die Beschaffung von Gas zum Kochen. Nach einem ernsthaften Engpass zu Beginn des Jahres läuft die Verpflegung jetzt wieder normal. Blindy beendet seinen Bericht mit einem Dank nach Deutschland:
All diese großartige Arbeit wäre ohne eine bestimmte Gruppe von Menschen unmöglich. Sie kennen die Kinder nicht, verlangen nichts im Gegenzug, nicht einmal ein Foto der unterstützten Kinder. (…) Wir wissen, dass sie keine Superreichen oder Führungskräfte sind. Aber es sind gute Menschen, einfach und von Herzen gebend: die Spenderinnen und Spender aus Deutschland. Ob sie wirklich die volle Bedeutung dessen verstehen, was sie tun? Wir können das nicht beantworten. Doch dank ihrer Großzügigkeit haben Hunderte von Kindern täglich Zugang zu einer sicheren Mahlzeit, was wiederum ihre Lernfähigkeit fördert und ihre zukünftigen Erfolge sichert. (…) Das Ziel dieses Briefes ist es, anzuerkennen, was bisher erreicht wurde, und jedem Einzelnen zu danken, der bis hierhin beigetragen hat.
Diesem Dank schließen wir uns von ganzem Herzen an. Wir wissen, dass die schlechten Nachrichten aus Haiti entmutigend sind. Trotzdem geht es vor Ort weiterhin um unser gemeinsames Anliegen: Den Menschen, vor allem den Kindern, Stabilität und Hoffnung in Form von Nahrung und Bildung zu geben.
Viele Grüße
Thomas Wiedmann
1. Vorsitzender
Text & Redaktion: Janina Lea Gutmann
