8. September 2019

Der Bericht Jean Josephs in Langform

Hier finden Sie die Langform des Berichts von Jean Joseph aus dem Rundbrief von August 2019. Der Bericht wurde Anneliese auf haitianisch erzählt, von ihr auf deutsch übersetzt und handschriftlich auf vier DIN A4-Seiten geschrieben. Diese vier Seiten wurden dann von J.L. Gutmann abgetippt, um den Bericht im Rundbrief und auf der Website darstellen zu können. Der vollständige Bericht ist hier in kursiver Schrift wiedergegeben, in Klammern finden sich in normaler Schrift einige Erklärungen. Die manchmal etwas speziellen Formulierungen des Berichts erklären sich aus der Übersetzung des haitianischen Texts ins Deutsche.

Ich heiße Jean Joseph. Seit ich ganz klein war, lebe ich auf dem Land. Das Haus, in dem wir wohnen, ist klein und aus Holz. Ganz oben weit auf einem Berg inmitten von Gärten (kleine Randstücke) in der Gegend von Grand Goave (Bezirksstädtchen). Mein Vater bearbeitete ein kleines Feld, welches uns mit dem Lebensnotwendigen versorgte. Das war, wie die Leute heute sagen, vor langer Zeit, als die Zeit noch gut war. Jetzt ist mein Vater seit 30 Jahren tot und ich bin selber Vater.

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23. August 2019

Rundbrief August 2019

Liebe Haiti-Freunde,

die Lage in Haiti wird kaum besser. Inzwischen balanciert das Land, in Annelieses Worten, am Rande eines Bürgerkriegs. Das liegt vor allem an der großen politischen Instabilität. Ende Juli ist der dritte Ministerpräsident innerhalb eines Jahres zurückgetreten, zudem werden der aktuellen und der vorigen Regierung schwerwiegende Korruption und die Veruntreuung großer Geldsummen vorgeworfen. Dazu steigt die Inflation, die Kaufkraft der Bevölkerung sinkt noch weiter. Diese Gemengelage führt im ganzen Land seit Monaten zu großen Demonstrationen und einer Eskalation der Gewalt.

Anneliese berichtet, dass kriminelle Banden zurzeit regelmäßig Warenlieferungen aus Port-au-Prince in die Umgegend ausrauben. In Meyer kam überraschenderweise ein Lastwagen unbehelligt an, die Nahrungsmittel für die Schulspeisung sind jedoch trotzdem zu knapp und auch zu teuer, um pünktlich zum Schulanfang damit zu starten. Ob die Schule im September planmäßig starten kann ist ebenfalls noch nicht sicher.

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Leben in Haiti: Jean Joseph

Wie im letzten Rundbrief angekündigt startet die Serie „Leben in Haiti“ mit einem Bericht über den 54jährigen Jean Joseph. Sein Bericht verdeutlicht die strukturellen Probleme, die in Haiti oft verhindern, dass die Menschen sich stabile Verhältnisse aufbauen, in denen sie und ihre Familien gut leben können.

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18. April 2019

Rundbrief April 2019

Liebe Haiti-Freunde,

zuletzt war die Lage in Haiti wieder sehr angespannt. Weil tagelang die Handynetze zusammengebrochen waren, hat sich auch das Erscheinen dieses Rundbriefs verzögert, da Annelies Berichte nicht ankamen. Aber jetzt gibt es viel zu erzählen.

Anfang dieses Jahres war die Zahnärztin Dr. Kirsten Holst mit ihrer Assistentin Susanne Mai wieder im Land, um die Menschen zu behandeln und Aufklärungsarbeit zu leisten. Kirsten Holst berichtet:

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Zahnarzteinsatz Januar 2019

Im Januar 2019 besuchten Susanne Mai und ich für ca. 2½ Wochen Anneliese Gutmann auf Haiti. Es war das vierte Mal, dass wir den Menschen vor Ort zahnärztlich dienen durften.

Dieses Mal war allerdings die Gesamtsituation auf Haiti gefährlicher als sonst. Zu den großen Unruhen und Demonstrationen in der Bevölkerung wegen der Verteuerung der Lebensmittel kamen noch Banditenbanden hinzu, die die Straßen unsicher machten, Menschen erschossen und Frauen vergewaltigten.

Wir merkten schon beim Abholen vom Flughafen, dass unser Chauffeur überaus angespannt war. Er hatte zwei Handys und ein Walkie-Talkie dabei, mit denen er in Kontakt zu anderen Menschen stand, um während der gesamten Fahrt in die Berge zu Anneliese die Gefahrenlage auf den Straßen zu prüfen. In der Nacht kamen wir erleichtert und sicher bei Anneliese an.

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8. Dezember 2018

Rundbrief Dezember 2018

Liebe Haiti-Freunde,

es gibt etwas zu feiern: Foundation e.V. wird 25 Jahre alt! Gegründet wurde die Hilfsorganisation nach den politischen Ereignissen der 1990er Jahre: dem Zerfall der Sowjetunion und dem Beginn des Jugoslawienkrieges, der vielfältige Fluchtbewegungen in Osteuropa auslöste. Durch Spenden von Lebensmitteln, Kleidung und medizinischem Bedarf konnte die Not der Menschen etwas gelindert werden. Wichtig war dabei immer, dass den Menschen unabhängig von Religion oder ethnischer Zugehörigkeit geholfen wurde. Foundation e.V. half damals vor allem in Nordkroatien, Rumänien und Albanien.

2002 fragte Anneliese an, ob ihre Haiti-Arbeit unterstützt werden konnte, da sich ihr vorheriger Träger – der Christliche Hilfsdienst – aus dem Projekt zurückziehen wollte. So fand die Haiti-Hilfe unter dem Dach der Foundation ein neues Zuhause. In den über 15 Jahren, die seither vergangen sind, konnte mit Hilfe vieler engagierter SpenderInnen, darunter auch Vereine und Schulen, viel bewegt werden. Die Schule in Meyer konnte modernisiert und erweitert werden. Durch die Nähschule wird seit 2006 ehemaligen Schülerinnen eine Perspektive für eine Berufstätigkeit gegeben. Auch die Infrastruktur in der Umgebung wurde verbessert, so dass die Schulwege für das weite Einzugsgebiet besser benutzbar und sicherer wurden. Ein zentrales Hilfsangebot ist das warme Schulessen, das seit 11 Jahren bereitgestellt wird und den 1100 Schülerinnen und Schülern ein konzentriertes Lernen erst ermöglicht. Gleichzeitig gibt es fünf Köchinnen eine Arbeit und ein Einkommen, mit dem sie ihre Familien ernähren können.

Manfred Gwinner, der 1992 die Foundation gründete, fasst die aktuelle Situation so zusammen: „Vor allem in Haiti bleibt die Investition in Bildung unsere Hauptaufgabe. Nur so haben die Absolventen eine Chance einen Beruf zu ergreifen, der sie und ihre Familie ernährt.“

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21. Juli 2018

Rundbrief Juli 2018

Liebe Haiti-Freunde,

in diesem Rundbrief wird, wie angekündigt, der neue Konrektor der ECODEM vorgestellt sowie über den Auswanderungstrend aus Haiti berichtet. Zuvor noch einige lesenswerte Fakten zu Whistler, dem Arzt aus dem vergangenen Rundbrief:

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Annelies „Enkel-Doktor“ Whistler

Anneliese kennt Whistler bereits seit seiner Geburt, weshalb sie ihn oft scherzhaft als den „Enkel-Doktor“ bezeichnet. Sein Vater war in dem Waisenhaus, in dem Anneliese in den 1980er Jahren arbeitete, als „Hausboy“ tätig. Nach einer Schneiderlehre heiratete er und bekam als ersten Sohn Whistler. Dessen Ambition, Arzt zu werden, verlangte der insgesamt fünfköpfigen Familie einige Opfer ab, aber er erreichte sein Ziel – vorerst. Denn trotz erfolgreich abgelegter Prüfungen warten Whistler und seine Kommiliton/innen noch immer auf die staatliche Anerkennung. Obwohl die Uni die staatliche Lizenz zur Ausbildung besitzt, weigerte sich der damalige Minister wegen persönlicher Differenzen mit dem Dekan der Uni, die Unterschrift zur Zulassung zu geben. Doch die Wartezeit ließ Whistler nicht ungenutzt verstreichen: er machte eine Ausbildung zum Laborant und eine Weiterbildung zum Bedienen von Ultraschall- und Röntgengeräten.

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7. März 2018

Rundbrief März 2018

Liebe Haiti-Freunde,

heute folgt der schon im letzten Rundbrief angekündigte Bericht über den zahnärztlichen Einsatz von Dr. Kirsten Holst und ihrem Team in Haiti. Das Team war zunächst bei Whistler, einem Arzt, dessen Familie Anneliese schon aus den Zeiten ihrer Arbeit  im Kinderheim in den 1980er Jahren kennt. Er kommt ein Mal im Monat nach Meyer, um die Menschen dort in der Gegend zu behandeln. Diesmal hat er die drei Frauen nach ihrem Einsatz in seiner Klinik in der Nähe von Les Cayes zu Anneliese gebracht, wie Dr. Stefanie Reim berichtet:

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Zu Beginn unserer dreiwöchigen Reise haben Kirsten Holst, Susl Mai und ich bei Whistler gewohnt. Von seiner Klinik, in der Kirsten und ihr Team 2015 noch behandelt haben, sind nach dem Hurrikan Matthew 2015 leider nur noch die Grundmauern übrig geblieben. Ebenso sind zahlreiche Dächer von anderen Wohnhäusern, Kirchen und Schulen abgedeckt, sowie 25% des Baumbestandes vernichtet worden. Whistler hat sein Haus, das glücklicherweise nahezu unbeschadet durch den Sturm gekommen ist, um eine Etage aufgestockt, so dass wir im oberen Bereich schlafen und im unteren die Patienten behandeln konnten. Neben unserem Behandlungsraum haben Whistler und sein Team Brillen an die Bevölkerung verteilt. Der Sehtest bestand darin, aus der Bibel vorzulesen. Konnten die Patienten den Text lesen, durften sie die Brille behalten. Vor unserem Haus gab es jeden Tag einen Stand, an dem frisch zubereitetes Essen für die Patienten angeboten wurde.

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15. Dezember 2017

Rundbrief Dezember 2017

Liebe Haiti-Freunde,

das Jahr 2017 geht zu Ende und wir blicken dankbar zurück. Dank Ihrer Zuwendungen konnten wir auch dieses Jahr unsere Ziele erreichen: die Schul- und Ausbildung konnte ohne Unterbrechung durchgeführt werden, alle Kinder bekamen ihr Schulessen und notwendige Reparaturen an den Gebäuden wurden beendet.
Das Wetter pendelt immer noch zwischen Trockenheit und zu viel Wasser auf einmal, doch Gott sei gedankt, dass die großen Hurrikans Irma und Maria dieses Mal kurz vor Haiti abdrehten und über der Insel „nur“ ein starker Tropensturm fegte – der allerdings auch wieder eine Ernte zerstörte.
Dieses Jahr hatten sich auch wieder Besucher angemeldet. Einige Jugendliche schauten sich die Arbeit vor Ort an und halfen fleißig in Kindergarten und Schule mit. Ihre Erfahrungsberichte haben wir über das Jahr hinweg in den Rundbriefen abgedruckt.
START international e.V., die 2010 nach dem Erdbeben zu Anneliese kamen, um sich um traumatisierte Kinder zu kümmern, führten zwei Fortbildungen für Lehrer durch. Im November besuchte die Zahnärztin Frau Dr. Holst mit ihrem Team Meyer, wo sie von vielen sehnsüchtig erwartet wurde. Ein Bericht folgt im nächsten Rundbrief.

Post von Anneliese
Auch Anneliese hat das Jahresende für einen Rückblick genutzt. Ihren Brief geben wir gerne hier weiter:
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20. September 2017

Rundbrief September 2017

Liebe Haiti-Freunde,

zurzeit gibt es in Meyer und Umgebung viel zu tun:

Nachdem der zentrale Schulhof der ECODEM in Meyer sehr löcherig geworden war, wurde er jetzt ganz neu asphaltiert. Finanziert wurde die Maßnahme von Humedica.
Auch in Gerard wird gebaut: Weil es neue staatliche Auflagen zur Schülerzahl in Klassenräumen gibt, werden an den bestehenden Kindergarten neue Räume angebaut, die dann für die Schule genutzt werden sollen. Dieser Bau wurde von den Eltern unterstützt, indem sie die Steine beschafften. Die übrige Materialbeschaffung läuft leider sehr schleppend, da die Wege für die LKWs zu schlecht sind.

Für das nächste Schuljahr wurden die Stoffe für die Uniformen von Anneliese zentral bestellt und werden jetzt an die Eltern weiterverkauft. So ist sichergestellt, dass die Uniformen einheitlich aussehen.

Da die staatlichen Abitur-Prüfungen dieses Jahr schlecht ausgefallen sind, gab es Nachprüfungen. Spätestens in der Nachprüfung haben alle Schülerinnen und Schüler der ECODEM das Abitur bestanden. Allerdings werden auch am Ende dieses Schuljahrs viele Zeugnisse zurückbehalten, weil die Bezahlung des Schulgelds noch aussteht.

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11. April 2017

Rundbrief April 2017

Liebe Haiti-Freunde,

Haiti hat nach langem Hin und Her endlich einen neuen Präsidenten! Der im November 2016 gewählte Jovenel Moïse wurde Anfang Februar für die nächsten fünf Jahre vereidigt. Es ist zu hoffen, dass er dem Land nach dem über ein Jahr währenden Wahlchaos etwas Stabilität zurückbringen kann. Die größten Herausforderungen wer-den jedoch auch für ihn die chronisch schlechte wirtschaftliche Lage des Landes und die tief gespaltene Gesellschaft sein.

Erfahrungsbericht aus dem „Centre de Santé de Meyer“

Anneliese bekommt weiterhin viel Besuch von jungen Menschen, die sich für das Land und die Verhältnisse vor Ort interessieren. Hier berichtet Jemima Schibli über ihr Praktikum im staatlichen Gesundheitszentrum von Meyer:

Im Januar und Februar 2017 habe ich im Centre de Santé de Meyer mitgeholfen. Zuvor hatte ich gerade ein viermonatiges Praktikum auf der Geburtsstation des Unispitals Basel absolviert. Das heißt, ich war daran gewöhnt, in medizinischer Umgebung zu sein und Hygienevorschriften waren mir sehr vertraut. Daher war ich bei unserem ersten Rundgang durch das Gesundheitszentrum zuallererst verwundert, wie sich dieses Gebäude überhaupt Gesundheitszentrum nennen darf. Medizinischer Müll lag verstreut herum und das Verbandszimmer sah so unhygienisch und unsteril aus, dass ich mich nicht mal dorthin setzen wollen würde. Doch wie soll man sagen… Der Mensch gewöhnt sich schnell an neue Umstände.

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28. Dezember 2016

Rundbrief Dezember 2016

Liebe Haiti-Freunde,

Mitte November ist Anneliese nach zweimonatigem Aufenthalt in Deutschland wieder zurück nach Haiti geflogen. Vor ihrem Abflug hatte sie noch mehrfach Gelegenheit, sich per Telefon und über Radio Haiti über die dortige Lage zu informieren:

Der Wirbelsturm Matthew hat Anfang Oktober Haiti getroffen und für schwere Verwüstungen gesorgt. Die Bilanz einen Monat später sieht düster aus. Es sind über 1000 Tote und 1,4 Millionen Obdachlose zu beklagen, 11 Kommunen gibt es faktisch nicht mehr, weil Sturm und Regen alles dem Erdboden gleich gemacht haben. Anfang November waren noch immer 69 Ortschaften nicht über den Landweg erreichbar. Als Notunterkünfte dienen Schulen, die aber zu einem großen Teil eigentlich als Wahllokale für die schon so häufig verschobenen Präsidentschaftswahlen vorgesehen waren. Auch die ohnehin anfällige Infrastruktur aus Straßen, Wegen und Brücken wurde großflächig zerstört, was den Wiederaufbau massiv behindert. Im Nachgang der Katastrophe ist das Land wieder von der Cholera bedroht. Am achten und neunten November sollen 500.000 Cholera-Impfungen in den am schwersten betroffenen Gebieten stattgefunden haben. Weitere 300.000 sind geplant.

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